Bangkok∼Thailand

2013 stand ein neuer Umzug an, diesmal in das weit entfernte Thailand. Fünf faszinierende Jahre in Bangkok nahmen ihren Anfang.

Die Stadt fordert einen heraus, lädt jeden Tag zum Kampf ein. Morgens atmet man tief durch, öffnet die Tür und wirft sich hinein. Es pocht und brodelt, rund um die Uhr, schrill und hell. Schwüle, drückende Hitze wabert, alles bewegt sich, Abgaswolken über verstopften Straßen, überall der süßlich scharfe Dunst aus den Garküchen. Wunderbar schrecklich. Der Geruch thailändischer Speisen lässt einem das Wasser im Mund zusammenlaufen, obwohl die schwere Luft einem Tränen in die Augen treibt. Nachts strahlen blinkende Neonreklamen von den Fassaden, es wird nie dunkel. Es gibt keine Pause, Bangkok hält nie an.
Die Menschen lächeln immer. Sie kämpfen mit der Stadt, deren Teil sie sind, stemmen sich an gegen das Klima, den Verkehr, die marode Infrastruktur. Aber ihre Mienen zeigen es nicht. Hier herrscht das Gefühl der Leichtigkeit. Es ist wichtig, anderen Raum zu geben und jeden sein Gesicht wahren zu lassen. Wir sind darin mitgeschwommen, stets harmonisch, an der Oberfläche.
Wir haben uns auf diese Stadt eingelassen, sind mitgegangen, ohne Grenzen, dem Leben zugewandt, immer und überall dabei, und wurden unbemerkt ein Teil von ihr. Schnell überlagern sich die Gegensätze, glitzernde Wolkenkratzer, geduckte Wohnhäuser, berüchtigte Rotlichtviertel, die baufälligen Hütten der Armen, alles verschwimmt, wird eins, gehört zusammen, mein Bangkok widerspricht sich nicht.
Wir sind häufig gereist, an die weißen Strände im Süden, in die tropischen Urwälder im Norden, manchmal in Gegenden, in die keine Touristen kommen, später auch durch andere Länder Südostasiens.
Überall haben wir warmherzige Menschen getroffen und Freundschaften geschlossen, die mir noch immer viel bedeuten. Den Leuten, Städten und Landschaften wohnt ein leiser Zauber inne, der aus weiter Entfernung bis heute sentimental in mir nachhallt, und jedes Mal Dankbarkeit hervorruft, wenn ich mich daran erinnere.
Manchmal nennen wir diese Jahre unsere beste Zeit, obwohl es dafür zu früh ist. Es war eine pralle, volle Epoche des Lebens, die so nicht wiederkommt, und das ist gut so. Denn zum Schluss ließ die Ausdauer nach, wir haben gemerkt, wie viel Energie die überwältigenden Tage verbrauchen. Bevor es uns auslaugte, haben wir Bangkok in vollem Schwung verlassen.

 

Thailand
Kurz nach unserer Ankunft in Thailand zogen wir in ein hoch gelegenes, doppelstöckiges Penthouse, vor dessen bodentiefen Fenstern sich das Panorama von Sathorn, dem Geschäftsviertel von Bangkok, ausbreitete. Das untere Stockwerk des imposanten Apartments verwandelte sich über die Jahre in einen Schauplatz langer Abendessen mit Empfängen, vornehmen Brunches und rauschenden Festen. Der abendliche Blick vom Balkon auf die Skyline der Stadt wurde ein begehrtes Fotomotiv bei unseren Gästen.

Schon kurz nach der Ankunft in Thailand verschaffte uns der Beruf den Zugang zur Bangkoker Gesellschaft und sofort erreichten uns ihre Einladungen: meist stilvoll gedruckte Karten mit handgeschriebenen Namen in geprägten Umschlägen. Obwohl wir bald mit Zusagen wählerisch wurden, verging kaum ein Tag, an dem nicht ein Empfang, ein Lunch, ein Abendessen, manchmal beides, dann eine Eröffnung, eine Vorstellung oder irgendeine andere Art sozialer Unterhaltung stattfand.

Die feine Gesellschaft war geübt darin, glänzende Veranstaltungen und rauschende Feste auszurichten, zu denen die Damen ihre Abendroben ausführten und die Herren im Smoking mit Fliege erwartet wurden. Weil man diese aufwändige Abendgarderobe in Europa nicht mehr trägt, war unser Schneider in Bangkok anfangs durchgehend damit beschäftigt, uns den Anlässen entsprechend auszustatten. Abends strömte dann die so zurechtgemachte Gesellschaft in die großen Empfänge am Flussufer, die in den ehrwürdigen Kolonialhotels der Stadt ausgerichtet wurden, obwohl das Land in seiner Geschichte niemals kolonisiert war. Selbst wenn man diesen Stil verstaubt und überholt findet, die Atmosphäre dieser Feste versetzte einen jedes Mal wieder in einen opulenten Kostümfilm, der an längst vergessen geglaubte Zeiten erinnerte. Dabei war hier nichts aufgesetzt, sondern voller Lebenslust. Wir haben diese Veranstaltungen genossen und viele faszinierende Menschen kennengelernt.
Der Versuch, überall pünktlich anzukommen, war im verrückten Straßenverkehr zum Scheitern verurteilt. Wir sind immer eine Stunde vorher abgefahren und waren entweder zu früh oder zu spät, und weil es allen so erging, hat sich niemand daran gestört. Schwierig wurde es nur bei den Aufführungen des Bangkok Musik- und Theaterfestivals, einem der jährlichen kulturellen Höhepunkte, denn hier wurden die Türen stets pünktlich geschlossen. Die Darbietungen waren indes immer die Eile wert und bei den anschließenden Empfängen, die sich bis in die frühen Morgenstunden hinzogen, haben wir viele Künstler und Kulturschaffende kennengelernt.
In der Bucht von Thailand und an der Andamanensee liegen weltweit bekannte Traumstrände, und mit etwas Glück findet man dort menschenleere Meeresbuchten, endlosen weißen Sand, türkisblaues Wasser und Palmen. Sobald ein Ort im Reiseführer auftaucht, kommen die Touristen, meist von der unverschämten Sorte, aber sie sind reich, und ihr Geld ist willkommen. Oft ist es um die Schönheit und den Reiz der Strände dann geschehen, das ist eben der Preis für eine Wirtschaft und große Teile der Bevölkerung, die auf den Tourismus angewiesen sind. Wir haben bei Reisen auf die Inseln darauf geachtet, dass unsere Hotels nicht in den Reisekatalogen stehen und haben fast immer unberührte Natur und zuvorkommende Menschen angetroffen, ohne auf Komfort und bestes Essen zu verzichten.
Im Norden Thailands liegen üppige Regenwälder, Bergketten und Flüsse, Tempel und Paläste. An der Grenze zu Laos und Myanmar kommt man in das Goldene Dreieck, das für seine Mohnfelder berühmt war, wo die Opiumküchen aber inzwischen wohl abgebaut sind. Jetzt ist es bekannt für die bergige Landschaft entlang der Ausläufer des Himalayas und den breiten Oberlauf des Mekong.
Ebenfalls im Norden liegt Chiang Mai, eine ruhigere Stadt. Hier schnuppert man ein anderes Leben, mit einer wohltuenden Mischung aus Historie und selbstbewusster Gegenwart, selbst die Touristen sind hier zurückhaltender und kulturinteressierter. In unmittelbarer Nähe liegt der Tempel Wat Suthep, auf einem Berg mit atemberaubender Aussicht auf die Stadt mit ihren vielen Märkten, auf denen das lokale Lana-Kunsthandwerk angeboten wird.
In der Altstadt gab es ein Restaurant in einem historischen Gebäude, das früher einmal als britisches Konsulat diente, und wir haben in dieser eleganten Umgebung einen Abendempfang gegeben. Ich erinnere mich gern an diesen romantischen Abend mit interessanten Gästen. Zum Ausklang gab es Cocktails im Garten mit einem herrlichen Blick auf den Mae Ping Fluss. Fläschchen mit Moskitorepellent, die dort auf allen Tischen und Balkonen verteilt waren, waren eine große Hilfe.
Wenn das Leben in Bangkok zu schnell und hektisch wurde, sind wir ins südostasiatische Ausland verreist. Ein Wochenende im gut organisierten Singapur hat gereicht, um die gefühlte Taktzahl zu reduzieren, und wir waren über die Jahre so oft in dieser faszinierenden Stadt, dass wir Freundschaften geschlossen haben, ohne dort zu leben. Sehr gern sind wir nach Bali geflogen, haben an der entspannten Jimbaran Bay gebadet oder sind in Ubud in den Bergen durch die Galerien gestreift, wo wir manche abstrakte Ölgemälde erstanden haben, die uns bis heute begleiten. Kuala Lumpur, Hongkong, Shanghai, Tokio, Taipeh, alle bedeutenden asiatischen Metropolen waren von Bangkok aus schnell und bequem zu erreichen. Was auch immer uns in Fernost interessiert hat, wir haben es bereist und sind stets gern wieder nach Bangkok zurückgekommen.
Jede Achterbahnfahrt kommt nach großer Aufregung, jauchzenden Überschlägen mit erhobenen Händen und dem befreienden Gefühl hoher Geschwindigkeit auf langen windigen Geraden, doch noch zu ihrem Ende. Man versucht dann, dem leichten Schwindel und etwas klammen Magen dadurch zu begegnen, dass man sich mit kurz gesetzten Schritten schnell wieder festen Boden unter die Füße verschafft. So erging es uns auch, denn was wie ein Tanz auf dem Regenbogen seinen Anfang nahm, führte über die Jahre zu einer Karussellfahrt, die mit der Zeit immer ausgelassener zu werden schien. Wir sind bis zum letzten Tag mitgefahren, haben mit einem stilvollen Empfang am Fluss unseren Abschied gefeiert und sind dann ohne anzuhalten abgesprungen, um uns mit großem Elan und noch größeren Erwartungen in die nächste Etappe zu werfen.

 
 
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